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Opferfest in Äthiopien

Ich wollte seit langem in ein armes Land fahren und die Lage dort persönlich erleben. Mein Gedanke dabei war, dass ein Mensch, der die Armut hautnah erlebt, den Wert seiner Existenz besser verstehen und sich bewusst über die Verantwortung, die ihm dadurch zuteil wird, werden würde. Letzendlich ergab sich die Möglichkeit, dass ich mittels WEFA ein solches Land sehen und auch beim Schlachtungsvorgang dabei sein und helfen durfte, und ich wollte diese Gelegenheit nutzen.

Nachdem in Deutschland alle Reiseformalitäten geklärt waren, begann meine Reise von Frankfurt Richtung Köln. Die Maschine Richtung Äthiopien würde in Köln starten und über Istanbul nach sieben Stunden Flugzeit in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba landen. In Istanbul trafen wir mit dem Team der IHH (TR) zusammen und flogen gemeinsam nach Äthiopien.

Wir lernten Fennan Bey und Dr. Ibrahim kennen, die uns während unserer Reise begleiten würden, und bereiteten gemeinsam das Reiseprogramm vor.

Nach einigen kurzen Besuchen in der Hauptstadt wollten wir nicht viel Zeit verlieren und brachen Richtung der 400 km entfernten Stadt Dessie auf. Aufgrund schlechter Straßenzustände dauerte die Fahrt über 11 Stunden. Das Elend, das in Addis Abeba stellenweise zu sehen war, konnte man nun überall sehen.

Die Menschen können wegen fehlender Bildung einige Möglichkeiten nicht ergreifen. Ein weiteres Mal wurde uns klar, dass hier einige Probleme allein durch Bildung gelöst werden können.

Dessie ist eine Stadt im Osten Addis Abebas und hat eine Einwohnerzahl von 250 000 wobei die Mehrheit Muslime sind.

Das diesjährige Opferfest konnten wir an einem Freitag empfangen. Aus verschiedenen Orten der Stadt gingen Menschen in die größte Moschee der Stadt –Furkan-Moschee-. Dort trafen etwa 60 Tausend Muslime zusammen und warteten auf das Gebet. Von diesem Anblick waren wir begeistert. Anschließend verrichteten wir gemeinsam das Gebet.

 

Nach dem Gebet begann der Schlachtungsvorgang. Wir schlachteten ungefähr 300 Opfertiere; etwa 600 Menschen sahen nach einem Jahr zum ersten Mal wieder Fleisch. Denn viele von ihnen hatten das letzte Mal im vergangenen Opferfest Fleisch gegessen. Als wir eine Pause einlegten, näherte sich uns eine ältere Dame, anscheinend wollte sie sich bedanken. Doch als sie den Versuch unternahm meine Hand zu küssen, konnte ich sehr schwer meine Hand wegziehen. Wir waren beschämt und gerührt zugleich.

 

Vor der Abreise wollten wir noch zwei Orte besuchen; die Elif-Akademie und eine Madrasa.

Die Elif-Akademie ist ein Verein in Dessie. In Äthiopien gibt es zwar zahlreiche Vereine, jedoch wenige, die von Muslimen geleitet werden. Der Vereinsvorsitzende Taha Muhammad schilderte uns kurz die 18 jährige Vergangenheit. Seine Bildung erreichte er in Medina. Danach kehrte er in seine Heimat zurück und begann zu arbeiten. Wegen finanzieller Mangel hatten sie es nicht immer leicht. Doch sie haben nicht aufgegeben; neben der Moschee haben sie eine Grundschule eingerichtet, ihr folgte eine weiterführende Schule und nun haben sie den Grundstein für ein Gymnasium gelegt. Sie führen den Bau fort, immer wenn sie dazu finanziell in der Lage sind. Als Bruder Ömer von der IHH (TR) in der Stadt Kayseri den Vereinsvorsitzenden und die Mitarbeiter „Enkelkinder Bilal Habaschis“ nannte, sagten sie: „Es freut uns sehr, dass ihr uns als solche seht“. Bevor wir uns verabschiedeten fragten wir sie, wie wir ihnen noch helfen könnten. Daraufhin sagten sie: „Ihr habt uns als eure Brüder akzeptiert und diesen weiten Weg auf euch genommen, um uns zu besuchen. Was sollen wir denn noch erwarten?“ Wir versprachen ihnen alles in unserer Macht stehende für sie zu machen und verabschiedeten uns.

Die Madrasa befand sich in einem von der Stadt Dessie eine halbe Stunde entfernten Dorf. Wir mussten eine bestimmte Strecke zu Fuß laufen, weil wir mit Auto nicht hinkamen. Der Hodscha der Madrasa empfing uns sehr herzlich. Danach gab er uns Auskunft über die Madrasa. In der Madrasa wird Koranrezitation, Fiqh, Hadithlere und Siyar (Das Leben des Propheten) unterrichtet. Eine Bildung in diese Richtung dauert für einen fleißigen Schüler 21 Jahre. Da aber viele nicht solange dort bleiben können, bekommen sie eine Teilzeitbildung. Wir waren beschämt als sie uns die Nahrungsmittel zeigten, die sie zu sich nehmen und die Schlafräume. Wie konnten wir unsere Geschwister vergessen. Ihre Nahrung besteht aus Brot, das sie von Menschen im Umkreis sammeln und trocknen, damit es lange haltbar wird. Ihre Betten sind nur ein paar Decken, die übereinander auf den Boden gelegt worden sind. Nachdem wir uns noch ein wenig mit ihnen unterhielten, verabschiedeten wir uns.

 

Die Zielstrebigkeit dieser Menschen, ihre Belebtheit und ihre Lebensbedingungen waren eine Lehre für uns.

Wir haben dort zwar nur eine Woche verbracht, jedoch hat diese Erfahrung unsere Weltanschauung ziemlich beeinflusst.

 

Mit gemischten Gefühlen verabschiedeten wir uns von den Menschen und kehrten in eine Welt zurück, in der viele nur mit eigenen Problemen beschäftigt sind.

 

Ich grüße alle Brüder, insbesondere die Brüder Fennan, Enver, Mehmet und Ömer, die ich in Äthiopien kennengelernt habe und bedanke mich bei ihnen für die gemeinsame Reise.

 

 

İbrahim Gülsever, Frankfurt 30.12.2009