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Haiti geriet beim Opferfest nicht in Vergessenheit

Die humanitäre Hilfsorganisation WEFA bildet weiterhin weltweit ihre „Brücken der Hilfe“. Die Brücken der Hilfe stützen sich nicht an zwei Ufern eines Bachs sondern an den Ufern von Ozeanen. Genauso wie die Brücke zwischen den Herzen, die sich zwischen Deutschland und Port au Prince erstreckt…

Im Laufe des vergangenen Opferfestes hat die Organisation WEFA Haiti und seine Bevölkerung nicht außer Acht gelassen. Die Spenden der Wohltäter in Europa haben dank WEFA auch Haiti erreicht.  

Der ehrenamtliche Mitarbeiter der Organisation İzzet Şahin, der zur Zeit des Opferfestes dort gewesen ist, hat folgendes berichtet:  

Die Stadt, die aufgrund eines Erdbebens im Februar 2010 völlig zerstört wurde, in der 200.000 Menschen einmalig in Massengräbern begraben oder ihre Leichen verbrannt wurden und die übrigen Millionen Menschen mit jedem Tag dem Tod nahestehen, heißt Port au Prince. Aus den Trümmern tausender Häuser wurden Menschen zwar gerettet, doch blieb die Menschlichkeit erneut begraben. Die Welt, die auf die zunehmenden Hilfeschreie nach dem Erdbeben aufmerksam wurde, hat, nachdem sie die „Geretteten“ in Zelten untergebracht hat, Augen und Ohren wieder abgewendet. Es gibt aber auch Personen, die an diese Menschen, die ihnen unbekannt sind, denken, wie die Wohltäter in Europa, die unter dem Motto „Kurban – Für alle eine Pflichtgabe, für Arme eine Teilhabe“ teilen und deren Namen für eine gute Tat, Großherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit stehen.                 

 

Eine Stadt in Trümmern

Als ich aus dem verkommenen und verstaubten Zollabfertigungsraum nach draußen trat fühlte ich mich, als sei ich in einer Zeitmaschine gereist und aus dem Jahr 2010 ins Jahr 1010 zurückgekehrt. Bettelnde Menschen am Ausgang des Flughafens und ein unbeschreiblicher Anblick von Elend und Armut… auf allen freien Plätzen, wie Parks, Straßenrändern und unbebauten Grundstücken sind Zelte aufgestellt. Die Trümmer der zerstörten Häuser, die das Bild einer verkommenen Stadt vermitteln, stehen stets im Vordergrund. Weil es keine Geräte und Fahrzeuge gibt um die Trümmer zu beseitigen, packen die Menschen selbst an. Während die Bewohner der zerstörten Häuser an die Stelle der Trümmern, die sie beseitigen konnten, Zelte aufstellen und auf diese Weise ihr Leben fortsetzen, bleiben andere trotz der Gefahr  in ihren beschädigten Häusern wohnen. Der Präsidentenpalast, der dem Erdboden gleich gemacht wurde und eine gegenüber aufgestellte Stadt von Zelten spiegeln das Bild der Zerstörung wieder.                

 

Ein Land ohne Staatsoberhaupt

Der Ausdruck Staatsoberhaupt stammt von dem Begriff „Haupt“. Eine Gesellschaft ohne ein Staatsoberhaupt, ist wie ein Körper ohne Kopf. Ich weiß nicht, ob es dafür weltweit ein noch offensichtlicheres Beispiel gibt, als Haiti. Ich erachte es als unmöglich, die Zukunft der Menschen in Haiti, in einer Gesellschaft, der eine Staatsverwaltung und -autorität versagt bleibt, einzuschätzen. Den Platz eines geregelten und bürgerlichen Lebens hat ein völliges Chaos eingenommen. Hier kennt man keine Regeln und Gesetze. Zahlreiche Dienste, an erster Stelle die Sicherheit, wurden unter die Kontrolle der Vereinten Nationen gestellt. Die UN ist mit dem Einsatz von Polizisten und Soldaten aus Mitgliedsstaaten darum bemüht, dass die schlimme Situation nicht noch schlimmer wird. Ich weiß nicht, wie sinnvoll diese Sache ist, bei der die Sicherheitskräfte der UN in der ersten Hälfte ihres einjährigen Dienstes damit beschäftigt sind, das Land und seine Gesellschaft kennenzulernen und sich einzugewöhnen und die zweite Hälfte des Jahres damit verbringen die Tage bis zu ihrer Rückkehr zu zählen. Ich weiß einfach nicht, was diese UN-Soldaten verändern können, ohne aus ihren Jeeps, die unter Aufsicht stehen, zu steigen, ohne sich der Gesellschaft anzupassen, ohne die dunklen Seiten der Stadt zu sehen und die aus den dunklen Straßen ertönenden Hilfeschreie zu hören.                           

Wenn Straßen aufhören Straßen zu sein

Straßen sind wie Pulsadern einer Gesellschaft und ein Zeichen der Zivilisation. In Haiti haben die Straßen schon längst ihre Funktion eingebüßt. Die Infrastruktur und der Verkehr, der eine grundlegende Aufgabe übernimmt, ist nur noch Nebensache. Überall sind die Straßen zu Märkten geworden, auf denen gehandelt wird, eine Mülldeponie für den Müll, den rücksichtslose Menschen auf die Straße werfen und ein Ersatz für die nicht vorhandene Kanalisation, durch die dreckiges Wasser fließt. Die Händler, die durch das Erdbeben ihre Läden verloren haben und keine Steuern zahlen wollen, sind auf die Straßen gezogen. Der Zustand in den Wegen und Gassen erinnert an das chaotische Durcheinander unserer Obstmärkte. Die Verkäufer auf den Straßen haben diese zu unerträglichen Orten werden lassen. Nicht nur Nahrungsmittel, Getränke und Kleidung, sondern auch die Waren der Apotheken werden über den Abfall hinweg angeboten. Die Tatsache, dass diese Straßen auch als Mülldeponie genutzt werden, ist für mich nur schwer zu begreifen und zu beschreiben. Die Menschen kennen hier keine Abfallbehälter. Sie werfen jede Art von Müll auf den Straßenrand. An einigen Stellen sind bereits Müllberge entstanden. Dies ist keine Sache von Mangel sondern ein Verständnisproblem. Es mangelt an Bildung und selbstverständlich an einer autoritären Persönlichkeit. Da der Bereich der Öffentlichkeitsarbeit nicht ausreichend entwickelt ist, kann die bunte Wandmalerei, die sich wie ein Kunstwerk über die Wände der Stadt erstreckt, das Bild des Mülls und Drecks, das sich vor ihnen anhäuft, nicht mildern.              

Es wird geschätzt, dass die Anzahl der Muslime in Haiti ca. 5000 beträgt. Die Konvertierungen zum Islam sind nach dem Erdbeben stark gestiegen.  

 

Die Waisenkinder eines verwaisten Landes

Wir hören die Hilfeschreie der Waisen, die bis in den Himmel reichen. Zunächst bringen wir Lebensmittel in drei Waisenhäuser, die wir ausfündig gemacht haben. Das erste Waisenhaus befindet sich unter normalen Bedingungen eine halbe Stunde vom Zentrum entfernt. Doch wir konnten das Waisenhaus erst nach drei Stunden erreichen, da die Straßen – wie ich oben bereits berichtet habe – für alles andere als für den Verkehr genutzt werden. Wir halten in der Nähe des Waisenhauses, das sich auf einem Berg befindet, und tragen die Lebensmittel dorthin. Als wir vor einem der letzten Häuser auf der Spitze des Berges Fort Jacques stehen bleiben, konnte ich nicht glauben, dass dieses Haus ein Waisenhaus sein sollte, aber es war so: Ein Rohbau eines zweistöckigen Gebäudes, deren Räume als Schulklassen genutzt werden und ringsherum aufgestellte Zelte, die für die 96 Waisenkinder als Schlafplätze dienen. Als ich mich zu den ein bis fünfzehn jährigen Kindern setzte, haben sie so warmherzig reagiert, als sei ich ein verschollenen geglaubter Verwandter, der zu ihnen zurückgekehrt war. Einige strichen mir mit ihren Händen übers Gesicht, andere umarmten mich und wiederum andere drückten meine Hand so fest als wollten sie mir sagen „Lass uns nicht allein“… danach mussten wir bevor es spät wurde die Kinder verlassen, um auch den anderen Waisenkindern helfen zu können. Die Freude und das Glück, das wir an diesem Tag erlebten, ließ uns alle Schwierigkeiten vergessen.              

 

Ohne Bildung geht nichts

Nachdem ich den Teil des Projekts bezüglich des Besuchs der Waisenkinder hinter mich gebracht hatte, habe ich zwei Schulen besucht, die nach dem Erdbeben mit Unterstützung unserer Stiftung gegründet wurden, und die Direktoren dieser Schulen getroffen. Eine der beiden Schulen, die zunächst nur aufgestellte Zelte waren und ihre Dienste erwiesen, ist in ein Mietshaus umgezogen. Die andere setzt den Unterricht allerdings weiterhin in dem zeltartigen vorgefertigten Gebäude fort.   

 

Abschied von der Stadt der Zelte

Bevor ich wieder in Richtung Kuba weiterreiste, besuchte ich eines der Zeltlager, die nach dem Erdbeben aufgestellt wurden, um dort das Leben hautnah zu beobachten. Am Eingang des Lagers sah ich Menschen, die die Trümmer der zerstörten Häuser mit Schüppen und Schaufeln zu beseitigen versuchten, gelbe T-Shirts trugen, den Kopf hängen ließen und ihr Leben aufgegeben hatten. Was diese Menschen so traurig machte, waren weniger die Trümmer, als vielmehr eine Stadt, die völlig zerstört war und die damit einhergehenden Probleme und Schwierigkeiten. Ich nahm einem dieser Menschen die Schaufel ab und begann 5 bis 10 Minuten mit zu schaufeln. Um ihnen ein Lächeln zu schenken, machte ich einige Scherze mit ihnen. Nicht weit von uns sah ich eine Menschenmenge. Diese Menschen waren die Kunden eines Plastiktanks gefüllt mit Wasser. Sie standen Schlange für Wasser, welches sie nur in bestimmten Maßen nutzen durften. Eine andere Menschenschlange vor einem Zelt in der Nähe des Eingangs des Zeltlagers wartete hier um Brot zu bekommen. In einem kleinen Zelt arbeiteten vier Jungen pausenlos, um für alle Menschen des Zeltlagers Brot backen zu können. Einer bereitete den Teig zu, der zweite rollte ihn aus, der dritte schob ihn in den Ofen und der vierte verteilte ihn aus einem kleinen Fenster des Zeltes an die Menschen. Die Öfen, die sie benutzen waren Elektroherde, genauso wie bei uns.            

Jedes einzelne Foto, das wir in dem Zeltlager schossen, macht uns traurig. Diese Menschen, die glauben, dass sie nur für kurze Zeit in den Zeltlagern verbringen werden, um dann wieder in die Häuser zu ziehen, die von den weltweit lebenden Menschen gebaut werden sollten, haben ihre Hoffnung aufgegeben, dass sie jemals aus diesen Zelten befreit werden. Sie leben, falls man es als Leben bezeichnen kann. Mit derselben  Kamera halten wir das Bild von Tieren und Kindern fest, die in durch Abwasser entstandenen Seen baden.       

Gott möge diesen Kindern beistehen und unsere Dienste anerkennen.