Ein Besuch kann Vieles ändern
Während die Humanitäre Hilfsorganisation WEFA einerseits Projekte zum Fastenmonat Ramadan, Kurban, und für Waisenkinder durchführt sowie Grauer-Star Operationen verwirklicht und Wasserbrunnen bauen lässt, lässt sie andererseits Menschen der Gesellschaft, in der wir leben und ihre Probleme nicht außer Acht. In diesem Zusammenhang setzt WEFA unter dem Titel „Lokale Projekte“ Aktivitäten wie Ehrenamtlertätigkeiten, Schulbesuche, Vorstellungsseminare, Hausbesuche, Versammlungen, Waisentreffen, Seminare zur Familienschulung, Familienberatung und Altenheimbesuche fort.
Die Altenheimbesuche werden traditionell an jedem Festtag abgestattet. Am diesjährigen Opferfest entschied man sich für das Altenheim in Köln/Mülheim. Eine Gruppe bestehend aus WEFA-Mitarbeitern und Ehrenamtlern hat diesen bedeutsamen Besuch am letzten Festtag verwirklicht.
Im Folgenden finden sich die Eindrücke von Safiye Ilhan und Hatice Topatan:
Eine völlig andere Welt
Safiye Ilhan
Als eine WEFA-Mitarbeiterin haben ich und vier andere Ehrenamtler die Organisation des diesjährigen Altenheimbesuchs übernommen. Bevor ich meine Eindrücke vermittle, möchte ich meine Reue darüber, dass ich an einem derartigen bedeutsamen Besuch nicht schon viel früher teilgenommen habe, zum Ausdruck bringen.
Zunächst möchte ich bemerken, dass wir uns in einem Altenheim befanden, dem es im Gegensatz zu dem, was wir im Fernsehen sehen, an nichts fehlte. Die Aufmerksamkeit, der Komfort und die Pflege waren einwandfrei. Die Mitarbeiter und zuständigen Angestellten erfüllten ihre Aufgaben auf beste Weise. Insbesondere bedanken möchte ich mich nochmals bei Frau Neriman Koc, die für die türkischen Senioren im Heim zuständig ist. Sie macht für die Senioren alles, was sie kann und viel mehr. Sie lässt die Senioren ihr Mitgefühl und ihre Gutmüdigkeit spüren.
Dieses Altenheim, welches sich in Köln/Mülheim befindet, ist für uns Türkischstämmige ein wenig anders als andere. In den vergangenen Monaten wurde hier eine türkische Abteilung eröffnet. Hier befinden sich insgesamt 165 Senioren, darunter 10 türkischstämmige. In der Abteilung, die für türkischstämmige Senioren eingerichtet worden ist, befindet sich sogar eine Gebetsstätte für diese und für Besucher. An den Wänden hängen religiöse Kalligraphien, Bilder aus verschiedenen Regionen unserer Heimat und sogar auch Bilder der Kaaba und Prophetenmoschee in Medina.
Wer weiß, wie diese Menschen, die ein halbes Jahrhundert zuvor ihre Heimatländer verlassen haben, sich diesen Lebensabschnitt vorgestellt hatten? Die Falten in ihren Gesichtern zeigten, dass sie nicht mehr endgültig zurückkehren würden. In ihren Blicken sah man die Hoffnungslosigkeit. Aber auch Dankbarkeit, weil wir sie in ihrer Einsamkeit nicht vergessen und allein gelassen hatten. Zübeyde Teyze hielt drückte unsere Hand fest und sagte durch ihre Blicke geradezu „geht nicht“. Sie wollte reden, doch war sie aufgrund ihrer Krankheit dazu nicht in der Lage. Als wir ihr eine der Rosen, die wir mitgebracht hatten, einreichten, verließen Tränen ihre Augen. „Setzt euch“ drückte sie mit ihren Blicken aus und zeigte uns die freien Sessel. Wir lehnten nicht ab, setzten uns und lächelten sie an. Wir waren ziemlich betrübt als wir diese Menschen in dieser Lage sahen, aber wir lächelten trotzdem und versuchten, ihnen Hoffnung zu geben. Denn sie brauchten das.
Sie brauchen jeden einzelnen Besuch. Wir sollten sie nicht vergessen; sowohl für uns selbst als auch für sie sollten wir die Zahl der Altenheimbesuche vervielfachen. Wir sollten nicht vergessen, dass sie auch Mal jung gewesen sind; wir werden auch altern.
Dieser Besuch hat mich zum Nachdenken bewegt. Möge Allah (s.w.t.) uns allen ein gesegnetes Leben ermöglichen und den Tod erleichtern.
Zuletzt möchte ich darum bitten, diese Menschen wenigstens an solchen besonderen Tagen nicht allein zu lassen. Denn die wahren tugendhaften Handlungen sind diese.
Ein Besuch kann Vieles ändern
Hatice Topatan
Man sagte, dass im Opferfest ein Altenheim besucht werde, doch ich hielt nichts davon. Dann beauftragte man Safiye Hanim damit. Sie versuchte mich zu überzeugen, mitzukommen, doch ich sagte, ich hätte einen Arzttermin und wich dem aus. Der Arztbesuch war schnell erledigt. Ich fand mich zwischen der Gruppe, die bereits vor dem Altenheim wartete, das sich gegenüber meiner Wohnung befand, in der ich seit Jahren wohne.
Wir schritten mit roten Rosensträußen sowie Süßspeisen voran. Neriman Hanim empfing uns an der Haustür. Dann schlossen sich uns auch Oguz Bey und der Leiter des Altenheims Herr Wagner an. Wider Erwarten begegnete uns ein sehr sauberes und geordnetes Gebäude. Man merkte, dass die Farben und Möbel sorgfältig ausgewählt wurden. Uns fielen die religiösen Kalligraphien an den Wänden auf. Insbesondere gefiel uns die Ecke im Besucherraum, die mit Wasserpfeifen und Samowaren eingerichtet worden war. Neriman Hanim führte uns mit Stolz zur Gebetsstätte, die kürzlich eingeführt wurde. Anschließend besuchten wir jeden einzelnen Senioren. Jeder von ihnen hatte sein eigenes Zimmer und Badezimmer. Die Räume sind hell und geräumig.
Zuerst besuchten wir Mehmet Amca; er ist nicht in der Lage zu sprechen und liegt nur. Wir standen um sein Bett herum. Neriman Hanim rief ihm zu: „Mehmet Amca schau mal, du hast Besuch“. Er schaute uns an und wir merkten, dass er uns etwas sagen wollte. einer von uns hielt seine Hand und fragte ihn: „Geht es dir gut Mehmet Amca?“ Neriman Hanim sagte erneut: „Mehmet Amca gib ein Zeichen, indem du die Hand drückst.“ Und er drückte fest, so als wollte er sie nicht mehr loslassen. Wir merkten, dass seine Beziehung zu der Außenwelt damit begrenzt war. Mit Tränen in den Augen schaute er uns zu als wir den Raum verließen. Wir besuchten die restlichen Senioren. Ohne auf die Nationalität zu achten, gaben wir allen, die wir trafen eine Rose und fragten nach ihrem Wohlergehen. Sie freuten sich alle und kamen uns mit ihrem Lächeln entgegen.
Danach besuchten wir eine Seniorin, die bettlägerig war. Auf die Frage „Wie geht es Ihnen?“ antwortete sie mit „gut“. „Sind Sie mit der Pflege hier zufrieden?“ sagten wir. Sie schaute Neriman Hanim und Oguz Bey dankbar an. „Wenn sie nicht wären…“ sagte sie und schluchzte. Wir fragten nach der Person auf dem Foto neben ihrem Bett. „Mein Sohn, er ist 32 Jahre alt“ sagte sie und ihre Augen glänzten dabei. Auf die Frage „Ist er Ihr einziges Kind?“ sagte sie mit tränenden Augen Folgendes: „Nein, ich habe noch eine Tochter, sie ist 33 Jahre alt.“ Wir trauten uns nicht danach zu fragen, warum es dort von ihr kein Foto gab.
Dann bat man uns in den Gästeraum, um uns Tee anzubieten. Herr Wagner bedankte sich nochmals bei uns und fing an zu erzählen: „Wie Sie sicherlich schon gemerkt haben, fehlt es den Senioren weder an Kleidung noch an Nahrung. Das Einzige, was sie brauchen, ist Aufmerksamkeit. Das Personal tut, was es kann, doch kann man sich nicht mit jedem intensiv beschäftigen. Manchmal hilft allein eine Stimme von Außen gegen ihre Einsamkeit. Allein die Tatsache, dass jemand ihnen eine Zeitung oder aus einem Buch vorliest, macht sie glücklich und verhindert, dass sie sich ausgestoßen fühlen.“
In diesem Augenblick erinnerten wir uns an die Verse 23-24 der Sure al-Isra (Die Nachtreise):
Und dein Herr hat befohlen: “Verehrt keinen außer Ihm, und (erweist) den Eltern Güte. Wenn ein Elternteil oder beide bei dir ein hohes Alter erreichen, so sage dann nicht ‚Pfui!‘ zu ihnen und fahre sie nicht an, sondern sprich zu ihnen in ehrerbietiger Weise. Und senke für sie in Barmherzigkeit den Flügel der Demut und sprich: ‚Mein Herr, erbarme Dich ihrer (ebenso mitleidig), wie sie mich als Kleines aufgezogen haben.‘“
Möge Allah niemanden pflegebedürftig machen. Doch sagen wir wiederum: Möge Allah derartige gepflegte und gute Einrichtungen vermehren, wenn sie gebraucht werden.
Ich habe mir vorgenommen nicht nur an Festtagen, sondern bei jeder Gelegenheit, die sich ergibt, diesen Ort zu besuchen, um unsere Vorfahren spüren zu lassen, dass sie nicht überflüssig auf der Welt sind.






